LeseanimatorInnen Newsletter

Das Bilderbuch von Julie Fogliano und Lane Smith als Einstieg ins Überthema «Zuhause»

– Von Sandra Franzen, Leseanimatorin SIKJM, www.literacy-werkstatt.ch


Newsletter 77 / Januar 2021

Ausgangspunkt dieses Newsletters ist der Abriss eines beseelten Hauses, das in meiner direkten Nachbarschaft stand (Bild 1). Ich sah es über viele Jahre aus dem Küchenfenster. Ein Bahama-hellblaues, verwittertes Haus mit einem grossen, wilden und doch strukturierten Garten. Voller Leben mit Schmetterlingen, Käfern, Vögeln und einer riesigen Pflanzenvielfalt. Der Mann, der hier lebte, wirkte «kauzig.» Er trug immer eine altmodische, blaue Arbeiterkleidung, wenn er in seinem Garten am Arbeiten war. Seit vielen Jahren lebte er alleine, wirkte standhaft, stark, voller Liebe zur Natur aber wortkarg und kritisch gegenüber seinen Mitmenschen. Der Mann ist mittlerweile gestorben. Das Haus und der Garten waren sein Zuhause. Es wurde vor kurzem abgerissen und ein neues Haus ist bereits im Bau! Der Abriss hat die ganze Nachbarschaft sehr bewegt. Der schöne Teil der Geschichte ist, dass viele der alten Pflanzen verschenkt wurden und nun in den Gärten des Quartiers weitergedeihen. Auch kleine Schätze wie einzelne Ziegelsteine, Kacheln vom alten Ofen usw., die im Abbruch gelandet sind, durften von den Nachbarn verwendet werden. Fast alle Gegenstände, die ich bei der Leseanimation brauche, sind von dem Nachbarshaus. Als ich das Buchcover von «Das Haus, das ein Zuhause war» sah, assoziierte ich dieses sofort mit dem Haus in der Nachbarschaft. Die realen Geschichten und die des Bilderbuches verwoben sich.


Über das Bilderbuch

Mitten im Wald steht ein altes, leerstehendes Haus. Die Natur hat es schon ein wenig zurückerobert. Die Farbe an der Fassade blättert ab und es verkörpert etwas Geheimnisvolles. Zwei neugierige Kinder sind im Wald unterwegs und entdecken das schief stehende Haus. Sie steigen durch ein Fenster hinein und finden Sachen, die an die ehemaligen BewohnerInnen erinnern. Sie stellen sich vor, wer dort früher gelebt hat und was aus diesen Menschen geworden ist. Die gefundenen Gegenstände laden zu verschiedenen Phantasiereisen ein. Am Ende kehren sie in ihr eigenes, reales Zuhause zurück. Die Fragen bleiben. Die deutschsprachige Ausgabe des Buches ist 2019 im S. Fischer Verlag erschienen, übersetzt von Uwe Michael Gutzschahn und vom Verlag empfohlen ab 4 Jahren. Die englische Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel «A house that once was».


Gedanken zur Vorbereitung der Leseanimation oder einem angedachten Literaturlabor

Mein Ziel ist es, einen Einstieg ins Thema «Zuhause» mit dem Buch zu finden. Ebenfalls möchte ich die reale Geschichte aus der Nachbarschaft mit dem Buch verschmelzen. Mit Schülern könnte ich mir eine längere Prozessarbeit dazu vorstellen. «Zuhause» bedeutet für jeden etwas anderes. Es muss nicht örtlich sein und kann ein Herz-Gefühl zu einem Menschen beschreiben. Ein Zuhause zu haben ist nicht selbstverständlich und deshalb ein fragiles Thema. In der UNO-Kinderrechtskonvention ist festgehalten, dass Kinder ein Recht auf Eltern und ein sicheres Zuhause haben. Gerade jetzt, wo wir zu Hause so viel Zeit verbringen müssen, stellt sich auch die Frage, was wir dort tun können und dürfen. Zuhause ist im Idealfall ein Ort des Rückzugs, der Sicherheit, der Erholung und Entfaltung. Den Kindern, die an der Leseanimation teilnehmen, möchte ich gerne die Freiheit geben, ihr eigenes ganz persönliches Bild von Zuhause entstehen zu lassen. Es könnte ihr reales oder ein Wunsch-Zuhause sein. Das Thema kann auch auf eine leichte Art behandelt werden, indem es zum Beispiel nur um Behausungen auf der ganzen Welt von Menschen oder Tieren geht.



Einstieg ins Thema

Für die Bühne der Leseanimation nehme ich einen grossen Ziegelstein vom abgerissenen Nachbarshaus (Bild 2). Mit einer Vogelwasserpfeife erklingt ein Zwitschern. Dieses dient der auditiven Schärfung der Aufmerksamkeit. Der Vogel vom Dach erzählt vom Haus in der Nachbarschaft und zeigt die Schätze aus dem Garten und dem Haus. Im Dialog frage ich die Kinder, was ein Ziegelstein ist. Aus welchem Material er besteht. Wofür er gebraucht wird. Was ein Dach über dem Kopf bedeutet. Wie die Dächer auf der Welt sonst noch gedeckt werden können. Währenddessen gebe ich einen Ziegelstein im Kreis herum. Auf einem Leinentuch liegen verschiedene Gegenstände (Kerze, Bienenwabe, Schneckenhaus, Käfer, alte Filmrollen, Schnürsenkel, Kachel, Lederanhänger usw., Bild 3) Die Kinder können die Gegenstände sortieren. Was gehört in das Haus? Was gehört in den Garten? Ist der Garten auch ein Zuhause? Für wen ist der Garten ein Zuhause? Für wen und wo? Was lesen wir aus diesen Gegenständen? Was ahnen, bemerken, empfinden, vermuten wir beim Anblick dieser Sachen? Welche Welt tut sich hier auf? Hört ihr etwas? Ein Wort? Ein Lied? Die Kinder dürfen die Sachen mit Lupen untersuchen. Auf ein grosses Papier können alle einen Menschen zeichnen, dem sie diese Schätze zuordnen würden. Einen Einstieg mit älteren Kindern/Schulkindern: Man könnte Bausteine in Form von Post-Its verteilen. Die Kinder schreiben auf jeden Baustein ein Wort, das für sie Zuhause bedeutet, sie damit verbinden oder sich wünschen. Die Post-Its können wie Ziegelsteine an eine Wand geklebt werden. Eine Hausmauer mit Dachform entsteht. Auf farbigen Post-Its können sie die Umgebung zeichnen oder beschreiben. Balkon, Garten, Nachbarschaft. Diese werden rundherum angeordnet (Bild 4).



Hauptteil

Die beiden Kinder kommen als Protagonisten aus dem Bilderbuch heraus. Sie gehen auf eine Abenteuerreise durch den Wald (Bilder 5 und 6). Ich spiele die Geschichte auf dem Ziegelstein und im Karton-Wald, bis die Kinder durch das Fenster ins Haus steigen. Jetzt wechsle ich auf das Buch. Was treffen die Kinder im Haus an? Seiten zeigen. Zuvor kopierte Gegenstände hinlegen (Bild 7). Jede/r darf etwas aussuchen und erzählen, was die Geschichte dazu sein könnte. Ich hänge die Gegenstände an den goldenen Faden im Kartonhaus, das ich unterdessen aufgeklappt habe (Bilder 8, 9 und 10).



Ich erzähle, was die Kinder im Buch sich für Phantasiefragen stellen und zeige die dazugehörigen Bilder (Bilder 11 und 12).


Schlussteil

Mit den Protagonisten klettere ich aus dem Haus und zurück durch den Karton-Wald. Am Schluss zeige ich die Seite im Buch, auf der die Kinder in ihrem Zuhause am Tisch sitzen. Ausklang mit der Vogelpfeife.


Vertiefung

Den Schwierigkeitsgrad dem Alter entsprechend anpassen:

  • Ein Zuhause aus Ton auf einem Ziegelstein formen. Den Garten, den Balkon oder das Dach mit Naturgegenständen auf Lehm bestücken/gestalten

  • Ein Daumenkino-Buch selber herstellen/Aufbau eines Hauses

  • Fliesstext oder Zeichnung von einem Traum-Zuhause mit POSCA-Stiften auf einen Ziegelstein schreiben oder malen

  • Mal- oder Schreibwerkstatt auf einer Fadenspule /Texte und Bilder die entstehen laufend zusammenkleben und aufrollen

Wo fühlst du dich Zuhause? An einem Ort oder bei einer Person? Was für eine Farbe oder Form hat dein Zuhause? Wer gehört zu deinem Zuhause dazu? Tiere, Menschen? Wie sieht deine Umgebung Zuhause aus? Park, Garten, Balkon, Nachbarschaft, Wald, Innenhof, auf dem Land? Welche Sprache ist Deine Herzsprache? Was heisst Zuhause auf diese Sprache?


Weitere Bilder- und Sachbücher zum Thema Zuhause:

  • «100 Kinder» von Christoph Drösser / Illustration Nora Coenenberg, Verlag Gabriel 2020

  • «Zuhause» von Carson Ellis, Verlag NordSüd 2016

  • «Ein Haus für Harry» von Leo Timmers, Verlag Aracari 2019

  • «Wie es ist, wenn man kein Zuhause hat?» von Ceri Roberts und Hanane Kai, Verlag Gabriel 2018

Anhang

Eine schöne Idee aus der Waldorfpädagogik zum Thema Haus und Gruppendynamik, die sich für den Kindergarten oder auch die Primarschule anfangs Schuljahr eignet, ein Beitrag von Korinna Schiemann hier: www.waldorf-ideen-pool.de



LA_newsletter_77 Das Haus, das ein Zuhau
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